Vom Satteln - Teil 4

Vom Satteln - Teil 4

Vom Satteln - Teil 4

Baumlose Sättel

Grundsätzlich müssen auch baumlose Sättel perfekt passen. Ein baumloser Sattel ohne Kissenkanal, der die Wirbelsäule ausreichend frei lässt, ist nichts weiter als ein Sattelkissen und nicht auf Dauer zum Reiten geeignet. Für manche Pferde bieten sich baumlose Sättel als einzige bezahlbare Alternative zum handgefertigten Maßsattel an, da sie bei besonders ungünstigen körperlichen Voraussetzungen augenscheinlich eine Lösung bieten. Trotzdem erspart ein baumloser Sattel nicht die perfekte Anpassung. Wie gut sich ein baumloser Sattel anpassen lässt, hängt von seiner Fähigkeit zur Polsterung ab. Ein Sattel, der sich nicht ausreichend auf- oder abpolstern lässt, kann auch nicht korrekt angepasst werden.

Viele Hersteller bieten hier verschiedene Polstertechniken (Klett-Kissen, Kunststoffkeile, etc.) zum „Selbstpolstern“ an. Ganz gleich, wie gut oder schlecht hier das Prinzip erdacht wurde, die Güte seiner Umsetzung hängt leider maßgeblich von seinem Anwender ab. Ein Reiter, der nur schlecht beurteilen kann, ob der Sattel korrekt sitzt oder nicht, wird mit so einem „Selbstbau“-System völlig überfordert sein. Einige Hersteller von baumlosen Sätteln bieten aber auch einen professionellen Anpass-Service an. Seriöse Sattelfitter oder Sattler haben auch mit baumlosen Sätteln keine Berührungsängste und polstern diese fachgerecht auf, sofern die Produkte dies zulassen. Vorsichtig sollte man bei der Wahl eines baumlosen Sattels jedoch sein, wenn man als Reiter mehr als 80 Kilo auf die Wage bringt. Schließlich bieten die baumlosen Sättel nicht die gleichen Druckverteilungsmöglichkeiten wie Baumsättel und ein baumloser geht bei übermäßiger Belastung schnell „in die Knie“ und verliert dann seine positiven Eigenschaften.


Die größte Problemzone bei Baumlosen ist die Steigriemenaufhängung, steht der Reiter viel in den Bügeln riskiert er Druckstellen im Rücken, an denen sich dann deutlich sichtbar weiße Haare bilden können. Ausgesessen ist ein Baumloser durchaus auch für lange und längste Ritte geeignet, immer vorausgesetzt er wurde korrekt angepasst und fachgerecht unterpolstert. Auch ist das Reitgefühl in einem Baumlosen nicht jedermanns Sache. Selbst spätere Fans baumlosen Reitens gaben zu, dass das „Windelgefühl am Anfang“ recht gewöhnungsbedürftig war.


Sattelzubehör – was macht Sinn?

Eins vorweg: Ein nicht passender Sattel kann durch Zubehör nicht passend gemacht werden. Ganz gleich, was der Hersteller solcher „Add-ons“ verspricht. Ein Sattel, der durch Anti-Slip-Pad, Schweifriemen, Vorgurt, etc. in seiner Position gehalten werden muss, ist kein passender Sattel. Wie gut sich perfekt angepasste Sättel auch in schwierigsten Situationen halten können, zeigen einige Reiter im Springsport: Sie benötigen nicht einmal Vorderzeug und der Sattel liegt auch nach einem S-Ritt immer noch dort, wo er hingehört.

Hilfsmittel zum „Sattelfitting“ werden gern als „pferdeschonend“ dargestellt, sind aber oft das ganze Gegenteil. Stoßdämpfende Gelpads z. B. können zu extremen Hitzestaus führen, die den Stoffwechsel des langen Rückenmuskels stark einschränken und damit logischerweise auch seine Funktion. Außerdem können Sie aus einem passenden Sattel plötzlich einen unpassenden machen. Denn ein Gelpad, das Stöße „wirkungsvoll“ absorbiert muss natürlich eine bestimmte Dicke haben. Wenn vorher alles perfekt aufeinander abgestimmt war, gibt es keinen Platz für solche Extravaganzen. Zudem sollte sich der Reiter fragen, ob das Geld für solche durchaus kostspieligen Zubehörteile nicht besser in ein paar Stunden Sitzschulung an der Longe investiert wäre. Und sollte das Pferd „Urheber“ dieser Stöße sein, ist Ursachenforschung und damit auch Überprüfung des eigenen Reit- und Ausbildungsstils angesagt – und nicht das Kaschieren der Symptomatik.

Ein einfaches Symptom für einen nicht passenden Sattel ist für jeden Laien zu erkennen: das Rutschen. Schnell greift man da zum Vorgurt oder ähnlichem. Ein Vorgurt übt jedoch punktuell Druck auf den Widerrist aus und die Schultermuskulatur aus. Und er liegt oft viel zu weit vorn und kann scheuern. Das gilt auch für bereits im Sattel eingebaute Vorgurte. (Nach deren Sinn man wirklich fragen muss.) Passender werden nicht-passende Sättel durch solche „Anbauten“ nicht. Auch Antislip-Pads vertuschen die eigentliche Symptomatik, ebenso wie Schweifriemen. Letztere können sogar das Gangbild erheblich negativ beeinflussen und sogar – bei nicht ordnungsgemäßer Anbringung (die da wäre: eine aufgestellte Faust muss locker zwischen Riemen und Pferd passen!) – nachhaltige Schäden am Skelett der Wirbelsäule verursachen.

Polsterbare Satteldecken kaschieren das grundsätzliche Pass-Problem auch nur, können aber vorübergehend (z. B. während des Abbaus einseitiger Muskelatrophien) durchaus gute Dienste leisten. Dann aber gehört die Polsterung der Decke in Profi-Hände. Brustgeschirre, die den Sattel z. B. beim Springen am „Nach-Hinten-Rutschen“ hindern sollen, sind ebenfalls durchaus zwiespältig zu sehen. Sie verursachen zwar keinen Schaden im eigentlichen Sinne, helfen dem Ur-Problem aber auch nicht ab.

Zusammenfassend bleibt also zu sagen, dass ein Sattel auch ohne großes Tamtam drum herum seinen Zweck perfekt erfüllen kann. Er muss eben nur gut angepasst sein. Wie schwierig die Beurteilung dazu ist, sollten die verschiedenen Aspekte dieses Artikels gezeigt haben. Sattelfitting gehört also in die Hände von kompetenten Fachleuten. Jedes Herumprobieren auf eigene Faust verlängert das Bestehen des negativen Einflusses eines nicht-passenden Sattels unnötig und vergrößert schlimmstenfalls die Schäden, die daraus resultieren.