Vom Satteln - Teil 3

Vom Satteln - Teil 3

Vom Satteln - Teil 3

Die nächste Hürde: die Kammerweite.

Mit der Kammerweite bezeichnen die Hersteller die „Pferdegröße“ des Sattels. Während die Sitzfläche mit Zolleinheit die Sitzfläche für den Reiter markiert, weist die Kammerweite dem Pferd das entsprechende Attribut zu. So weit so gut. Leider messen die Hersteller ihre Kammerweiten an unterschiedlichen Punkten. Der Eine wählt den Abstand zwischen Sattelbaum-Anfang rechts und Sattelbaum-Anfang links, der andere den zwischen den Enden des Kopfeisens. Je nachdem, wie lang die Kopfeisen sind, kann natürlich auch die Strecke zwischen den Messpunkten unterschiedlich groß ausfallen. Eine 32er-Kammer bei Stübben z. B. entspricht damit nicht automatisch einer 32er-Kammer bei Kieffer oder Passier. Um eine für das Pferd passende Kammergröße zu ermitteln, ist es also zwingend notwendig, die Kammer am Pferd zu messen. – Und nicht am Sattel.

Leider ist es immer noch so, dass die meisten Sättel nicht von einem gelernten Sattler fachgerecht angepasst werden, oder „zumindest“ von einem sogenannten „Sattel-Fitter“. Die meisten gekauften Sättel in Deutschland werden gar nicht angepasst. Die Zahl der Sättel, die über das Internet gehandelt werden, bildet da eine überzeugende Größe ab. Allein über Ebay werden täglich rund 200 Sättel verkauft! Angeboten werden zwischen 1000 und 1500 Stück (mit unterschiedlichen Laufzeiten). Hochgerechnet auf das Jahr sind das rund 30.000 Sättel, die auf diese Weise den Besitzer und damit das Pferd wechseln. Sicherlich gibt es hier einige „Wanderpokale“, die mehrfach angeboten werden, aber die Mehrzahl verbleibt doch beim glücklichen Ersteigerer. Wem solche Schnäppchen wichtig sind, wird nicht zwingend das gesparte Geld in einen professionellen Sattelfitter investieren.

Der Reitlehrer oder Stallmeister wird einen Blick drauf werfen und dann ein – mehr oder weniger fachmännisches – Urteil fällen, auf das sich der Reiter dann verlässt. So wird oft ein zu enger Sattel auf das Pferd gelegt. Dieses Problem wird noch durch die Tatsache verschärft, dass die Sattelhersteller sehr träge auf den durchaus voluminöser gewordenen Habitus unserer Reitpferde reagieren. Wie träge, zeigt eine kleine Umfrage unter den Herstellern: Von elf befragten Sattelanbietern meinten sieben, es gäbe gar keinen Trend zur größeren Kammer, drei waren sogar der Meinung der Trend gehe eher in Richtung kleinerer Kammer! Nur ein Hersteller hat sein Sortiment um zusätzliche Kammergrößen erweitert. Dabei ist es nicht nur erwiesen, dass unsere Pferde immer größer werden, auch die pathologischen Folgen von zu engen Sätteln nehmen derart zu, dass dies bereits an anderer Stelle aufgefallen ist. „Wenn ich mir die Sättel von Patienten zeigen lasse, sind die in sehr vielen Fällen zu eng“, sagt der bundesweit als Physiotherapeut für Pferde tätige Charly Vandroemme, Auch Tierheilpraktikerin Tatjana Brandes bezeugt: „Bei rückenauffälligen Pferden registriere ich zu mindestens 90 % immer einen Druckschmerz im Bereich der Wirbelsäule. Wenn ich daraufhin den Sattel auflegen lasse, sieht man das Dilemma dann auch schon: ein zu enger Sattel.“ Die Besitzer ritten diese Sättel oft schon seit Jahren und nie wären Ihnen sogar sehr deutliche Passformprobleme aufgefallen, erläutert sie weiter.

Tatsächlich ist es sehr schwer, zu beurteilen, ob der Sattel nun zu eng oder zu weit ist. Erst bei deutlichen Diskrepanzen (Sattel vorn zu hoch -> zu eng; Sattel vorn zu tief -> zu weit) kann der Laie sie erkennen. Aber schon Suboptimalitäten im kleinen Bereich führen zu Bewegungsstörungen/Muskelbeeinträchtigungen. „Trockene Stellen“ seitlich am Widerrist müssen dabei nicht zwingend bedeuten, dass der Sattel zu eng ist. Auch ein zu weiter Sattel kann genau diese Merkmale erzeugen. Für eine erste – laienhafte – Überprüfung der Kammerweite gilt jedoch folgendes: es müssen mindestens drei Fingerbreit aufrecht gemessen   (angegurtet bei aufgesessenem Reiter NACH dem Reiten müssen noch zwei Finger breit Platz sein) Platz zwischen Widerristende (oben) und dem Sattelkanal sein. Ist hier weniger Platz, kann der Sattel zu weit sein, ist hier extrem viel Platz, wird er möglicherweise zu eng sein. Auch der Wirbelsäulenfreiheit wird mitunter zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sättel, vorn in der Widerristkammer schon zu eng – werden aber natürlich weiter hinten nicht breiter. Und selbst Sättel, die vorn in der Kammer passen, können einen zu schmalen Wirbelsäulenkanal haben. „Drei Finger breit“ sollte mindestens Abstand zwischen den Kissen sein – an jeder Stelle! „Und dabei gibt es auch durchaus Pferde, die – abhängig von der Anatomie des Rückens -  einen noch viel größeren Kissenkanal benötigen“, erläutert Sattlerin Natascha Gauert. Ergo: Erst ein kompetenter Sattler oder Sattelfitter (am besten ein markenunabhängiger) wird hier die korrekte Aussage tätigen können.

Rückenform – entscheidend für die Sattelwahl.

Selbst, wenn der Sattel von der Länge passt (nicht zu weit auf der Schulter, nicht über die Querfortsätze hinter den Rippen hinaus) und die Kammer weder zu eng noch zu weit ist, heißt das noch lange nicht, dass der potentielle Sattelkäufer sich nun entspannt zurücklehnen kann. Auch jetzt noch kann man mit der Wahl des falschen Sattels eine Menge Schaden anrichten. Es gibt Aussagen von Sattlern, dass wenn man z. B. einen Sattel mit Keilkissen wählte, der dann auf einem eher geraden Pferderücken möglicherweise ideal passte –auf einem geschwungenem dies jedoch nicht tut, weil die Keilkissen (je nach Stärke) dann in den langen Rückenmuskel drücken, diesen komprimieren und so eine Rückbildung des Muskels verursachen können. Hersteller von Keilkissen-Sätteln bemerken aber sogar, dass „Keilkissen gerade bei Pferden mit Senkrücken“ besonders gut anzupassen seien. Wem soll man hier Glauben schenken?


Grundsätzlich sollte man immer bedenken: „Form follows function“. Und mit Form ist hier natürlich der Sattel gemeint, und nicht das Pferd. Hat das Pferd einen geschwungenen Rücken, dann braucht es auch einen entsprechend geschwungenen Sattel – ob der Sattel über Keil- oder Flachkissen oder gar Trachten verfügt, ist dabei zweitrangig.
Ein Sattel mit einem stark geschwungenen Baum wird also auf einem Pferd mit geradem Rücken nicht korrekt liegen können. Ist der Sattelbaum formbar, bzw. verfügt der Sattelhersteller über verschiedene Baum-Modelle, so muss hier genau geprüft werden, welche Baumform für welche Rückenform die Ideale darstellt.


Maß-Nahme.

Wenn es um die richtige Anpassung von Sätteln geht, werden viele Hersteller unglaublich kreativ. Während der eine sich zum Mut zur Lücke bekennt und mit einem schmissigen „der passt auf alle Pferde“ wirbt, lehnen sich andere nicht so weit aus dem Fenster. Die Fa. Ubo aus Osterrode z. B. hat sich ein ausgeklügeltes – leider auch etwas aufwändiges – System ausgedacht, mit dem der Pferdehalter selbst das Maß seines Pferdes nimmt. Auf der Homepage gibt es eine detaillierte Anleitung, wie man einen Gipsabdruck der Sattellage herstellt. Diese „Schablone“ schickt man dann an den Hersteller, der seine Konfektionsmodelle daran anpasst. Auch die Sattlerei Deuber aus Zeil nimmt akribisch Maß. Mittels eines biegbaren „Rückengitters“ nehmen die Vertriebspartner die Daten ab: vorn, am Widerrist, hinten, wo die Sattellage endet und natürlich wird auch der Schwung des Rückens notiert. Zusätzlich machen die Vertriebspartner Fotos vom Pferd und auch vom Reiter auf dem Pferd. Die Firma Gerloc misst zusätzlich Ober- und Unterschenkellänge des Reiters und fragt sogar nach dem Gewicht und der Körperlänge des Reiters. Generell kann man sagen, dass die Hersteller von hochwertigem Reitgerät auch einen entsprechenden Anpass-Service bieten, bzw. ihre Produkte von entsprechenden Fachleuten vermarkten lassen.

Es gibt aber auch Hersteller, die verlassen sich einzig auf einen Plastik-Messwinkel, den der Pferdehalter selbst anlegen und ablesen muss. Nach Länge des Rückens wird nicht gefragt, nicht überprüft, wie sich die Rückenform gestaltet. Auch bieten viele Hersteller überhaupt keinen Anpass-Service. Den muss dann der Sattler vor Ort leisten. „Viele Sättel haben aber aufgrund Ihrer Bauweise da schon deutliche Grenzen“, meint Natascha Gauert, selbstständige, unabhängige Sattlerin aus Schleswig-Holstein. „Flache Kissen z. B. sind flache Kissen. – Auch dann, wenn man versucht, dort noch mehr Polstermaterial einzubringen. Das Kissen wird dann nur härter, nicht dicker“, erklärt sie. Auch seien einige Sättel gar nicht zu öffnen, ohne dass hier das ganze Modell Schaden nimmt. Und bestimmte Techniken verhindern gänzlich eine Anpassung wie z. B. luftgepolsterte Konstruktionen oder geschäumte Kissen. Auch Kunststoffsattel-Nähte, die verschweißt wurden, sind nur zu öffnen – nicht aber wieder zu schließen. Jedenfalls nicht von einem Sattler. Deshalb arbeiten einige Hersteller mit einer Art „Taschensystem“. Vorgefertigte Polster verschiedener Größe lassen sich an diversen Stellen des Sattels einschieben. Wie gut sich solche Polster dann auf Dauer fixieren lassen, kann man nur raten. Zudem: Wieder wird der Pferdehalter mit dem Fitting beauftragt. Und die Zahl der Pferde, die mit schlecht sitzenden Sätteln laufen müssen bezeugt, dass der durchschnittliche Pferdehalter mit dieser Aufgabe überfordert ist. Zu Recht. Das Anpassen von Sätteln ja schon für Spezialisten eine kniffelige Aufgabe.


Weiter geht es in Teil 4 - Baumlose Sättel