Vom Satteln - Teil 2

Vom Satteln - Teil 2

Wann ist ein Sattel eigentlich „passend“?

Sehen wir genauer hin: Der lange Rückenmuskel des Pferdes folgt der gesamten Lenden- und Brustwirbelsäule von hinten nach vorn und endet am siebten Halswirbel. Er ist lang und kräftig. Aber in erster Linie ist er lang. Und eine lange Konstruktion bedeutet nicht unbedingt, dass sie mega-stabil ist. Der lange Rückenmuskel ist nicht dazu da, den Reiter zu tragen, sondern dient der Fortbewegung. Er ist eine mehr oder weniger durchgehende Konstruktion. Wird er an irgendeiner Stelle beeinträchtigt, kann der Rest nicht mehr gut funktionieren. Ein schlecht passender bzw. falsch liegender Sattel samt Reiter kann daher erheblich negativen Einfluss auf die Bewegung des Pferdes und damit auf die muskuläre Situation nehmen.

Ein komplexes System.

Die Rückenfaszie ist eine sehnige Platte, welche die Muskeln des Rückens (langer Rückenmuskel) mit den Kruppenmuskeln und damit auch mit der langen Sitzbeinmuskulatur funktional verbindet. Auch ein anderer wichtiger Muskel entspringt aus ihr: der breite
Rückenmuskel, der nach vorn-unten zum Oberarm zieht und damit auch für die Aktion der Vorhand wichtig ist. Das ganze bildet also ein aufeinander abgestimmtes System. Wird ein Teil des Systems gestört, funktioniert das ganze nicht mehr. Besonders störanfällig in diesem System ist – durch den Sattel und den Reiter – der lange Rückenmuskel. Der Rückenmuskel liegt im Bereich des Rückens auf den Querfortsätzen der Wirbelsäule auf, denen sich im vorderen Bereich die Rippen anschließen. Diese werden durch die Zwischenrippenmuskeln straff zusammen gehalten und verschaffen dem vorderen Rumpf eine gewisse Stabilität.

Weiter hinten jedoch, wo die Rippen aufhören, hört auch diese Unterstützung auf. Das ist erst einmal gar nicht so verkehrt, denn nur so wird das Pferd in die Lage versetzt, sich in der Längsachse zu biegen, bzw. das Becken abzukippen. Damit die Muskeln ausreichend Ansätze finden, sind die Querfortsätze der Wirbelsäule deutlich ausgeprägt. Genial eigentlich. Leider aber überhaupt nicht dafür gemacht, von oben starken Druck zu „er-tragen“. Zumal: Die Querfortsätze der Lendenwirbelsäule sind – im Gegensatz zur den Brustwirbeln, an denen sich Rippen anschließen – starr! „Hier darf nie ein Sattel liegen!“, bemerkt Dr. med. Vet. Gerd Heuschmann in seinem Buch „Finger in der Wunde“ an. Jede Intervention in diesem Bereich führt daher zu unangenehmen Drucksituationen, in vielen Fällen sogar zu heftigen Schmerzen. Und ja, das gilt auch für das Zurücksatteln im Islandpferdesport. Ohne Ausnahme!

Aber auch der andere Fall – ein Sattel auf der Schulter – ist keinesfalls ungefährlicher für das Pferd. Während z. B. ein Gangpferdereiter eher dazu neigt, sein Pferd zu weit hinten zu satteln, tendiert der Warmblutreiter zum anderen Extrem. Ein Sattel, dessen Rand beim Vorgreifen der Gliedmaße mit dem Schulterblattknorpel berührt, oder noch schlimmer, der gleich auf dem Schulterblatt platziert wird, quetscht Muskeln und sorgt auf Dauer genauso für Muskelumbildungen und –abbau wie ein Sattel, der zu weit hinten liegt.

Wo also gehört der Sattel genau hin?

„Eine Handbreit hinter der Schulter“ ist eine Aussage, die man oft hört, und die grundsätzlich auch erst einmal nicht falsch ist. Die Schulter muss sich frei bewegen können. Entscheidend für die Schulterfreiheit ist jedoch nicht der vordere Rand des Sattels, sondern die Lage seines Kopfeisens. Das ist der – je nach Hersteller – aus Metall, Holz, Kunststoff oder Leder bestehende vordere Konstruktionsteil des Sattelbaums. – Dem Herzstück eines jeden Sattels.
Generell kann man sagen, dass das Kopfeisen in etwa in der Höhe der Sattelniete verläuft, die das Sattelblatt an der Sitzfläche „befestigt“. Diese Höhe ist entscheidend für die Entfernung zur Schulter – nicht der vordere Rand des Sattels, der ohnehin nur aus nachgiebigen Materialien wie Leder oder Kunststoff besteht. Man denke da z. B. an Vielseitigkeitssättel, die durchaus deutlich vorgelagerte Pauschen haben, die auf dem Schulterblatt liegen. Trotzdem liegen diese Sättel nicht automatisch falsch – solange nämlich das Kopfeisen weit genug vom Rand des Schulterblatts entfernt ist, ist alles in Ordnung.

Die „eine Handbreit“ (diesmal gemessen vom Kopfeisen zum Schulterrand) ist für ein Pferd mit normalem oder langem Rücken also durchaus eine gute Orientierungshilfe. Bei kurzen Pferden wird man damit aber nicht klarkommen. Nicht alle Pferde haben einen so langen Rücken, dass sie eine ganze Handbreit Platz zwischen Kopfeisen und Schulter bieten können. Hier könnte der Abstand also durchaus weniger komfortabel ausfallen – zwei Finger Breite sollten es aber mindestens sein!

Wichtig ist auch, dass bei allem Augenmerk auf den richtigen Abstand zur Schulter dabei nicht das „Sattelende“ vergessen wird. Denn ein Sattel, der zwar vorn richtig, dafür hinten aber meilenweit über das Maß hinweggeht, was die Pferdeanatomie vorgibt, wird weder Reiter noch Pferd  auf Dauer viel Vergnügen bereiten.

Hinter den Rippenbogen ist Schluss.

Die äußerste Grenze für das Ende eines Sattels gibt die Linie vor, die man von der letzten Rippe etwas nach vorn geneigt hoch bis zu Wirbelsäule ziehen kann. Aber auch nur dann, wenn der Schwerpunkt des Sattels den Reiter wirklich auch nach vorn – in Richtung Pferdekörperschwerpunkt – setzt. Nicht, weil der Sattel die Nieren quetscht, läge er zu weit hinten. (siehe „Märchen Nierenquetscher“). Allerdings gibt es andere Strukturen des Körpers, die hier in Mitleidenschaft geraten können. Zwischen den Wirbelkörpern treten Nervenstränge aus, die bei Kompression nicht nur Schmerzen erzeugen, sondern auch zu motorischen Beeinträchtigungen führen können. Und nicht nur das!

Die Lendennerven innervieren auch die Beckenhöhleneingeweide, z. B. Rektum, Harnblase und Anteile des Geschlechtsapparates! Eine Verletzung der Wirbelsäule oder eine Umfangsvermehrung (selbst bei minimaler Ausdehnung) beeinträchtigt also Bewegungs- wie auch Organsysteme.

Märchen Nierenquetscher

Die rechte Niere des Pferdes liegt zum größten Teil unter den Rippen und komplett unter der inneren Lendenmuskulatur und kann daher nicht durch das Reitergewicht und den Sattel komprimiert werden. Die linke Niere liegt etwas weiter oben und nach hinten versetzt, aber wiederum auch von oben geschützt durch die UNTER den Querfortsätzen gelagerte Lendenmuskulatur. Die Querfortsätze sind recht breit und schützen so die inneren Organe an dieser Stelle. Die Nieren sind also durch zu lange Sättel nicht in Gefahr. Das gilt allerdings NICHT für andere Körperstrukturen!

Weiter geht es in Teil 2 -  Die nächste Hürde: die Kammerweite.